Bodenarbeit

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Bodenarbeit ist Balancearbeit

Die Methode von Linda Tellington-Jones, die Tellington TTouch®  Methode, hat zwei Gruppen von Techniken: Den TTouch®  (genau definierte qualitätsvolle Berührungen) und die Bodenarbeit (Berührungen über Hilfsmittel - zur Beeinflussung der Qualität der Bewegung eines Tieres)

 Die TTEAM®   Bodenarbeit spricht die Propriozeption (Selbst-Innen-Wahrnehmung) an, ändert Bewegungsmuster und trägt damit zur körperlichen Balance bei.

 Emotionen, die bekannterweise auch die Gesundheit maßgeblich beeinflussen, stehen in messbaren (biochemischen) Zusammenhängen mit körperlichen Zuständen und Vorgängen und umgekehrt: Was der Körper tut und empfindet wirkt sich auf unser emotionales Empfinden aus. Deshalb wendet sich die Tellington TTouch®  Methode an den Körper des Tieres, um die emotionale Balance zu verbessern. Ein emotional ausbalanciertes Tier kann seine Aufgabe, egal welche, wesentlich leichter erfüllen. Jedes Tier kann seine emotionale Balance verbessern, so wie jedes Tier seine körperliche Balance verbessern kann.

 Um die Körper auch in der Bewegung zu „formen“, brauchen wir unsere Hände im Kontakt. Oft sind die Hände zu wenig und die Arme zu kurz. Das erklärt, warum wir mit den Pferden nur manchmal Freiarbeit machen, und so überraschend viele Leinen-Verbindungen zu den Hunden schaffen: Wir wollen den Körper an verschiedenen Stellen beeinflussen können. Es kommen sehr häufig 2-3 Kontaktstellen ins Spiel, eine Gerte, um über das Abstreichen eine körperliche Verbindung herzustellen, Bandagen, um die Selbstwahrnehmung zu fördern, auch zwei Menschen, die einen Hund oder ein Pferd führen.

 Jede Beeinflussung ist freundlich. Es wird konsequent neutral oder mit positiver Verstärkung gearbeitet. Neutral kann der Mensch deshalb sein, weil in vielen Fällen die Wirkung des Lernens selbst für die Tiere bestärkend ist.

Negative Verstärkung scheidet aus, denn nur mit positiven Begegnungen kann ich das emotionale Gleichgewicht eines Tieres positiv beeinflussen.

Die Geräte sind sehr einfach gestaltet: so einfach, dass sie leicht bewältigt werden können. Sie sind in ihrer Bauweise so angelegt, dass man sie immer verändern kann, vom bestehenden Schwierigkeitsgrad zum Einfacheren oder zum schwierigeren. Weshalb?

 „......und dabei hatte er kein bisschen Angst, sondern hat mich nur dominieren wollen!“.... sagen wir empört, wenn unser Hund nicht voranmacht beim Einsteigen ins Auto, wenn er Fremde anmacht oder Kinder verbellt. Oder wenn „Flicka“ nicht in den Anhänger will.

Wenn ich meinem Tier „die Latte zu hoch lege“, so hat es die Wahl zwischen verschiedenen Reaktionsformen: Flucht, Aggression, Erstarren oder Herumalbern. Alle vier Reaktionsformen sind bei Tieren wie auch bei uns  Menschen gängig und werden trotzdem  nicht immer als Anzeichen von Angst erkannt. So oft hört man im Laufe eines Lebens mit Hunden, dass Hunde/Pferde uns dominieren wollen und durch etwas durchgezwungen werden müssen.

 Goldie ist ein lang und schmal geratenes Quarter Horse. Er kam auf den Kurs und gleich beim Vorstellen des Pferdes erzählte Sorina, sein Mensch, dass das Verladen und die Fahrt wie immer eine Kathastrophe gewesen sind. Wir beobachteten seine Bewegungen in der Halle. Ins Auge fiel seine schlechte Balance: er fußte mit seinen rechten und linken Beinen beinahe auf gleicher Linie und konnte keine Gerade halten beim Laufen. Sorina drängte täglich am Verladeproblem zu arbeiten -aber ich wartete scheinbar ohne etwas am Thema zu tun. Währenddessen lernte Goldie in den Bodenarbeitssequenzen sehr schnell. Er schien seine Füße einzeln kennen zu lernen, fußte bedachtsam und wie wenn er jeden Fuß einzeln platzieren würde. Wir arbieteten ihn viel in Langsamkeit.

Am vierten Kurstag nahm ich eine Holzbrücke mit in den Lernparcours, am fünften Tag gingen wir an den Anhänger und Goldie ließ sich –Fuß für Fuß- in Ruhe verladen. Nach dem Nach-Hause-Transport rief mich eine begeisterte Sorina an:  Nicht nur war Goldie den gesamten Transport nach Hause ruhig und sicher gestanden. Es hatte sich noch etwas verändert das sie uns gar nicht erzählt hatte: Goldie hatte stets einen schweren Stand in der Herde gehabt- jetzt gerade hält er sich mitten unter den anderen Pferden auf. Er schient sich mit einem anderen Wallach anzufreunden.

 Diese Geschichte mag ich weil sie so klar den Zusammenhang zwischen Bodenarbeit, körperlicher Balance, Selbstgefühl und Selbstsicherheit zeigt.

 

Die Anforderungen herunterschrauben

Ein aggressiver Hund ist ebenso verunsichert, ratlos, hilflos, wie einer der flüchtet oder sich zu verstecken versucht. Wenn Hunde sich verkriechen oder angreifen wollen, so versuchen sie, den Abstand zwischen sich und etwas oder jemand zu vergrößern. Der Grund dafür ist, dass sie vor dem Gegenstand oder Person/Tier Angst haben. Wenn Pferde scheuen, sehen wir ihre Angst. Wenn sie starr stehen und sich nicht mehr zu bewegen vermögen- wie so oft vor der Rampe des Anhängers- werden sie aus Unverständnis mißhandelt.

 Mein Hund hat Angst vor Geräuschen? Ich mache die Geräusche leiser. Mein Hund hat Angst, über Brücken zu gehen? Dann muss ich die Brücken breiter und niedriger gestalten. Mein Hund hat Angst vor Hunden? Dann muss ich mit Hunden üben, die kleiner, heller, weiter weg sind und ihm sichere Erlebnisse bescheren, eventuell sogar Stofftiere. Angst, ins Auto einzusteigen? Dann muss sich einen leichteren Einstieg wählen, den Motor ausmachen, bloß nicht wegfahren während der ersten Übungen, Freunde mit Bussen mit breiten Türen finden.

 

Barni - ein Hund mit „Fahrrad-Phobie“

„Barni“ ist ein Nova Scotia Duck Retriever mit einer Fahrradphobie nach einem Unfall in seiner Welpenzeit. Seine Angst ist inzwischen so  ausgeprägt, dass man ihn kaum mehr vor das Haus bewegen kann. Auf einem Kurs wollten wir Abhilfe finden.

Gerne hätten wir direkt die Fahrräder geholt, aber ich dachte an die zu hoch gelegte Latte. Das Ziel heißt heute: Die erste Stufe erklimmen, bewusst, in Ruhe etwas über körperliche Balance und Bewegung unter freiem Himmel zu lernen und mit einem Erfolgserlebnis nach Hause zu gehen.

 Es fiel auf, dass Barni kaum in der Lage war, einen Moment auf seinen Füßen zu stehen. Einmal wuselte er herum, drehte sich im Kreis, dann warf er sich auf den Boden, er hockte sich irgendwie hin, aber frei im Raum zu stehen war nicht möglich.  Die Arbeit  mit ihm bestand aus beiden Bausteinen der Tellington Methode: Bodenarbeit und TTouch . Ziel der Körperarbeit war die Verbesserung des Gefühls für sich selbst im passiven Zustand.  Ziel der Bodenarbeit war die Verbesserung des Selbstgefühls im aktiven Zustand. Dazu arbeiteten wir in Labyrinthen mit verschiedenen Ausmaßen aus verschiedenen Materialien.

 Die Aufgabenstellung begann „Barni“ zu interessieren. An diesem ersten Tag lernte er, sehr kurze Momente im Labyrinth an den Wendungen still zu stehen. Das war genug, denn lernen konnte Barni umso besser, je geringer sein Stresslevel beim Ausführen der Aufgaben war.

 Am zweiten Tag machten wir Barni mit mehreren Hindernissen vertraut. Ein breites Brett lag erhöht auf Blöcken. Barni blockierte, da wollte er nicht drüber. Was nun? Wir brachen die Übung zunächst ab und gingen zurück zu einem auf dem Boden liegenden Brett.

 Was das alles mit der Fahrradphobie zu tun hat? Viel. Denn wir arbeiteten mit dem Hund und an seiner Sicherheit. Auch einen Brandstifter kann man heilen, ohne dass er dabei Häuser anzünden muss. So kann ich auch Ängste der Hunde sehr positiv beeinflussen, ohne dass der angstauslösende Faktor dabei sein muss.  Aber ich erzähle gerne, wie es am nächsten Tag weiterging:

 

Schulung von Balance und Körperbewusstsein in der Bodenarbeit

Auf dem Brett ging er anderntags ruhig und scheinbar auch mit sich selbst sehr zufrieden von einem Ende zum Anderen. Leichtes Erhöhen des Brettes auf einer Seite machte keinen Unterschied, beidseitiges Erhöhen verunsicherte ihn kurz, aber beim zweiten Versuch ging der Hund wie vorher ruhig drüber. Das Fahrrad lag am Bodenarbeitsplatz und machte -so liegend- keinen großen Eindruck auf Barni. Es war einfach eines der Hindernisse, die anderen Aufgaben wurden sehr konzentriert gearbeitet. In den folgenden zwei Tagen waren letztlich drei Fahrräder mit Menschen am Bodenarbeitsplatz. Sie bewegten sich in alle Richtungen. Barni bekam zwischendurch Leckerchen von den Radfahrern. Er konnte seine Bodenarbeit durchführen, während Radfahrer sich in seinem Lernparcours (immer noch rücksichtsvoll)  tummelten.

 Die weitere Arbeit bestand im Generalisieren des Gelernten: Die Arbeit musste aus dem Bodenarbeitsplatz hinaus in die Welt getragen werden, und auch hier mussten die Radfahrer noch „unter Kommando stehen“.

 

Das Generalisieren der Aufgaben bzw. der Lernparcours im „echten Leben“

Tiere (und Menschen) lernen nicht so, dass neu Erworbenes direkt in alle anderen Situationen umgelegt wird. Das Wiederholen der Lektion in unterschiedlichen Situationen zeigt, dass die Aufgabe jedesmal wie neu angelegt werden muss. Erst langsam wird das Gelernte generalisiert.

 

Hindernisse, die in der Bodenarbeit der Tellington-Methode benutzt werden:

  • Stangen und Cavaletti

 helfen, die Führposition des Menschen zu verbessern: Der Mensch überschreitet zuerst die Stange, hält ev. nochmals kurz an, dann gibt er dem Pferd/Hund ein Signal, langsam und bewusst die Stange zu überschriten.

Stangen und Cavaletti sind sehr hilfreich für Tiere, die wenig Gefühl für ihre Füße haben. Hält man im Schritt über einer Stange an, so erfordert das sehr viel Koordination zwischen Tier und Mensch und fördert das Körperbewusstsein.

Bei der Arbeit mit Cavalettis muss man auf die Höhe achten. Ein Cavaletti in der Höhe des Vorderfußwurzelgeleneks eines Hundes ist ausreichend hoch für diese Arbeit. Auch bei Pferden geht es mehr um die Koordination als um die Höhe.

  • Leiter, Gitter (Hunde) und Reifen, alles am Boden ausgelegt

eignen sich gut für das bewusste Auffußen. Auch hier lernen die Hunde viel Körperbewusstsein. Die Hindernisse bieten auch die Möglichkeit, langsames bewusstes Auffußen zu üben. Für Pferde eignen sich Reifen von Fahrrädern besser als Autoreifen.

  • Mikado

Stangen, die scheinbar wirr auf einem Haufen liegen, laden ein die Füße einzeln zu platzieren und „mit den Füßen zu denken“.

  • Slaloms aller Art

stellen eine wunderbare Arbeit dar, um den Körper gleichmäßig auszubilden. Der Slalom erfordert eine Körperbiegung in beide Richtungen. Diese Hindernis wird auch häufig in der Tier-Physiotherapie eingesetzt.

  • Der Stern

  Martin Lasser, Arbeit am Stern mit "Fino"

mehrere Stangen (meist 3-5) sind sternförmig ausgelegt, der Mittelpunkt des Sternes ist erhöht durch einen Block oder einen Eimer. Am besten nähert man sich dem Stern aus der Richtung, dass Pferd/ Hund innen, der Mensch außen als Begrenzung geht.

Der Stern soll so im Bogen angegangen werden, dass der Hunde/Pferdekörper schon die richtige Biegung hat. Man lässt die Tiere relativ weit außen gehen. Dieses Hindernis ist für mich das schwierigste der genannten Hindernisse. Damit fördert man Geschmeidigkeit und Flexibilität, körperlich und mental: Der Körper muss gebogen sein, die einzelnen Beine müssen an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Aufgaben lösen, die inneren Beine müssen höher angehoben werden als die äußeren. Auch hier ist es sinnvoll, im Hindernis anzuhalten, einmal um die Führposition des Menschen wieder zu sortieren: Man fällt im Stern oft zurück und muss wieder die Position neben dem Kopf des Hundes/Pferdes einnehmen.

  • Brücken und Bretter

eignen sich gut für eine Schulung des Gleichgewichts und des Denkens. Die Selbstsicherheit des Tieres wird in vielen Fällen geschult und bewusstes Gehen.

  • Die Wippe

eignet sich gut für Hunde/Pferde, die Brett und Brücke einfach finden. Hier wird das Brett/die Brücke in der Mitte durch eine Stange unterstützt, so dass eine Wippe entseht. Anfangs empfiehlt es sich, eine sehr dünne Stange unterzulegen. Für Hunde kann man die Wippe mit dem Fuß „bremsen“, für Pferde kann man anfangs einen Reifen unterlegen. Die Wippe schult Mut und einen bewussten Umgang mit dem Gleichgewicht.

  • verschiedene Untergründe

Viele Hunde können über kein Gitter laufen oder über keine glatten Fußböden. In dem Fall ist es sinnvoll mit vielen verschiedenen Untergründen zu arbeiten. Die Arbeit über andere Untergründe hilft auch, mehr Bewusstheit in den Füßen zu erzeugen, womit der Hund insgesamt eine bessere Erdung erfährt. Das wiederum unterstützt seine Sicherheit und Gelassenheit gegenüber vielen anderen Situationen. Für Pferde nutzen wir Brücken und Pappe.

  • natürliche Hindernisse bzw. in der Umwelt vorhandene Hindernisse

 

Viele der genannten Hindernisse sind für Hunde/Pferde viel leichter zu bewältigen, wenn sie schnell sind, als in der von uns geforderten Langsamkeit. Langsamkeit schult die Balance. Schnelligkeit weniger. Deshalb werden Hindernisse, wie das Brett, Gitter, Reifen, Stangen langsam überwunden. Die Muskulatur der Tiere wird wesentlich effektiver beansprucht bei langsamer als bei schneller Arbeit.

 

 

 

 

 

 

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