FG. Hund: Anton- ein TIerheimhund ohne Grunderzieheung

Ich hatte mich zu dieser TTEAM[1] Ausbildung angemeldet und nun, nach dem zweiten Training war meine Hausaufgabe, dass ich praktische Beispiele meiner Arbeit aufschrieb. Drei  Hunde hatte ich im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft gefunden, das vierte Fallbeispiel dachte ich mir, soll nun ein weniger glücklicher Hund sein, der derzeit seine Tage ohne eigenen Menschen im Tierheim verbringt.

 

Anton sollte es sein, er war ein schwarzer Wuschel, groß und haarig. Er hatte einmal in einer Familie gelebt und war geliebt worden. Frau Neuman hatte ihn zu sich genommen auf die Bitten ihrer Kinder, einen Hund anzuschaffen. Sie hatte zwar keine Zeit für einen Hund aber da man ihr oft gesagt hatte, Hunde würden helfen, dass Kinder mehr Verantwortungsbewußtsein entwickeln, wollte sie das Beste für ihre beiden Söhne, wenn sie nun schon ohne Vater aufwachsen mussten. Die Kinder versprachen, sich fleißig um den Hund zu kümmern. Das taten sie auch wirklich – anfangs- sie tollten mit ihm am Boden herum und freuten sich über den kleinen Welpen. Aber bald wurde Anton größer und zu rücksichtslos im Spiel mit den Kindern. Nun wurde er oft im Wohnzimmer eingesperrt, damit die Kinder spielen konnten und Anton das Spielzeug nicht zerkaute. Allerdings begann er da die Tischbeine anzukauen und so kam er in den Wirtschaftsraum, wo man ihm ein gemütliches Bettchen zwischen Heizung und Waschmaschine einrichtete. Die Spaziergänge machten zunächst die Kinder, bald wurde Anton aber zu stark und Frau Bergmann musste mitgehen. Später ging sie meist grade alleine, da das letztlich einfacher war, als die Jungs davon zu überzeugen, dass sie mitgehen sollten – die Zeit war sowieso immer knapp und sie mochte den Hund und die Viertelstunde Ruhe im Freien gerne.

Leider war es schwierig, mit Anton bei anderen Hunden vorbeizukommen, seit er einmal zu einem Zusammenstoß mit einem Boxer gekommen war, benahm er sich komisch, wenn ihm andere Hunde begegneten. Frau Bergmann lernte, anderen Hunde aus dem Weg zu gehen, so mied sie die große Wiese, wo immer freilaufende Hunde waren, und ging einfach mit Anton einkaufen, da waren zwei Erledigungen mit einem Gang getan, und vor dem Supermarkt konnte sie ihn anbinden und er blieb da. Vormittags, während die Familie außer Haus war,  hielt sich Anton je nach Wetter im Wirtschaftsraum oder im Garten auf, und nachmittags eigentlich auch. Nur zu den Spaziergängen kam er raus, die immer schwieriger und deshalb auch recht kurz waren: Anton zog an der Leine, bellte andere Menschen an, war ein wenig unberechenbar zu anderen Kinder und Hundebegegnungen wurden zur Katastrophe, weil es nicht mehr klar war, dass Frau Neumann die Kraft hatte den Hund immer zu halten. Eine Würgekette half auch nicht wirklich, und wenn man mit ihm schimpfte war es, als würde er es nicht hören. Schließlich durfte Anton auch nicht mehr alleine im Garten sein. Da sich die Nachbarn über das ständige Gebell beschwerten, verbrachte Anton nun die meiste Zeit im Wirtschaftsraum, alleine, und nervte die Familie doch sehr durch seine Unruhe. Als Frau Bergmann eines Tages auf einem Spaziergang mit Anton einem Hund begegnete und stürzte, weil er so an der Leine riss, siegte die Vernunft: Der Hund musste angegebene werden, von Frau Neumanns Gesundheit hing zu viel ab. Eine private Vermittlung gelang nicht, so entschloss man sich schweren Herzens, ins örtliche Tierheim zu gehen.

 

Als ich Anton kennen lernte, war er bereits einige Wochen im Tierheim gewesen. Ich sah einen kräftigen gesunden schwarzen Zottel, ein Kind der Liebe, das sich unbändig freute, wenn man zu ihm kam. Die Begeisterung ließ allerdings auch nach einer halben Stunde nicht nach, und so war es schwierig mit Anton etwas zu unternehmen: An der Leine zog er wie verrückt, in alle Richtungen, bellte und japste, sprang hoch und war die meiste Zeit bestenfalls mit zwei Pfoten am Boden.

 

Die Mitarbeiterinnen des Tierheims kannten die TTEAM Arbeit und waren recht froh, als ich anbot, mit Oskar zu arbeiten. TTEAM war ihnen bekannt als eine Möglichkeit, wie man recht erfolgreich an schwierige Tiere rankommt, vor allem an ängstliche Hunde, die sich nicht gerne anfassen ließen, und an verängstigte Tiere aus Spanien und Italien, die den Kontakt mit Menschen nicht kannten. So stieß ich offene Türen auf. Die Methode der Kanadierin Linda Tellington-Jones besteht aus zwei sich ergänzenden Techniken: Dem TTouch, einer besonderen Art der Berührung von Hunden, und dem TTEAM Bodenarbeit, einem Führtraining einer Arbeit an verschiedenen Leinen, Halsband, Geschirr, Kopfhalfter, das den Hunde hilft, diszipliniert und zufrieden mit ihrem Menschen zu gehen.

 

Für Anton war beides wichtig, fand ich: Der Tellington TTouch könnte ihm helfen, seinen Körper zu spüren, mir erschien der Hund vollkommen außer sich, als würde er sich selbst nicht wahrnehmen und nur hektisch herummachen. Die Bodenarbeit könnte ihm helfen, ein wenig Selbstkontrolle, Disziplin und Konzentration zu erlernen. Außerdem wusste ich, dass alle Hunde, mit denen ich bisher gearbeitet hatte, nach kürzester Zeit viel besser und freudvoller mitarbeiteten als vorher.

 

Das erste Treffen war ein Desaster, Anton sprang nur herum, und ich versuchte, ihn irgendwie gezielt zu berühren. Interessanterweise war ihm das, so nahe er mir immer kam, letztlich gar nicht recht, gezielt berührt zu werden. Schließlich griff ich zu einem Hilfsmittel, von dem ich in meiner Ausbildung gelernt hatte: Zu einer Bandage, die ich dem Hund zweimal überkreuz, eher locker um seinen Brustkorb schlang. Anton akzeptierte das ohne Probleme. Mit der Bandage blieb er dann auch viel ruhiger und erlaubte mir, diesen TTouch auszuführen:

Mit den Fingern meiner rechten Hand verschob ich an allen möglichen Körperstellen seine Haut kreisförmig im Uhrzeigersinn. Er begann es scheinbar zu genießen und ich ließ es gut sein für das erste Treffen.

Am nächsten Tag stand ich schon wieder auf der Matte und heute hatte ich eine Kollegin und mein Material für die Bodenarbeit mitgebracht. Zu zweit führten wir Anton auf den Auslauf, in dem wir mit allerlei Latten ein paar Hindernisse ausgelegt hatten. Gut koordiniert versuchten wir „Ordnung in den Hund zu kriegen“, was nach dem erneuten Anlegen der Bandage auch ganz gut gelang: Maria führte am Brustgeschirr, ich am Halsband, und zwischen diesen beiden Hilfsmitteln konnten wir Anton immer wieder dazu bringen, sich zu konzentrieren, zumindest, so lange wir zwischen den Hindernistangen blieben. Sobald wir uns dem Ausgang näherten, wurde er wieder zu einem Ungetüm – aber nun, Rom wurde auch nicht an einem tag erbaut, dacht eich mir, brachte Anton in seinen Auslauf zurück und versprach ihm am nächsten Tag wiederzukommen und mehr Körperarbeit zu machen.

 

Dieses dritte Treffen war der Durchbruch. Nach einer eher stürmischen Begrüßung erlaubte mir Anton, die Ttouches auszuführen, und heute konnte ich schon viel klarer arbeiten. Ich machte in erster Linie liegende Leopard-TTouches, und das geht so:

 

 

Ganz ruhig, fast andächtig lag Anton da und schien in seinen Körper zu horchen. Ob es das erste Mal in seinem Leben war, dass er sich selbst so bewusst wahrnahm? Schließlich zog ich ihm seine Bandage an, befestigte eine Leine am Halsband und eine Leine am Brustgeschirr und wir gingen raus. Hindernisse hatte ich keine aufgebaut, da ich nicht mit Führarbeit geplant hatte für heute, aber im nahen Wald gab es genug natürliche Hindernisse, um als Führende für Anton interessant zu bleiben. Wir gingen kreuz und quer um Bäume, über Stöcke und Gräben, hielten an, gingen weiter, drehten um, gingen gedachte Hindernisse und schließlich zurück ins Tierheim. An diesem Abend war ich erschöpft aber glücklich. Vielleicht kann dieser Hund ja doch noch eine Familie finden, dacht eich mir. Anfangs hatte ich sehr daran gezweifelt.

 Wie überrascht war ich, als ich nach dem Wochenende kam und erfuhr, dass Anton ganz spontan von schon lange bekannten Besuchern mitgenommen wurde auf einen Spaziergang und anschließend versuchsweise nach Hause. Zuerst war ich ganz enttäuscht, bis ich mir bewusst machte, dass das ja das schönste Resultat meiner Arbeit ist! Das Tierheim hatte den neuen Besitzern meine Adresse gegeben und nun hoffe ich demnächst einen glücklichen Anton in seinem neuen Zuhause begrüßen zu dürfen und seine neuen Menschen einwenig helfen zu können, mit dem Hund ein gutes Verhältnis auszubauen.



[1] TTEAM Tellington Ttouch Every Animal Method, eine ganzheitliche Methode des Umgangs mit Tieren